Glaube und Himbeermarmelade

Heute oute ich mich: Ich bin ein Konservativer.

Steigen bei diesem Wort nicht auch in Ihrem Kopf ganz bestimmte Bilder auf?

„Konservatismus“ ist heute fast schon zu einem Synonym für Anachronismus geworden. Ein Konservativer ist der ewig Gestrige, der hartnäckig an Überzeugungen festhält, die sich als längst nicht mehr in die Gegenwart passend oder als überhaupt und grundlegend falsch herausgestellt haben. Einen Konservativen kannst du vergessen - oder?

Konservative stehen unter dem Verdacht, Heuchler zu sein, die nach außen so tun als ob, während sie im Verborgenen keinen Deut besser sind als der Rest der Menschen. Sie engen andere ein, übersehen die Realitäten der Postmoderne und sind sowas von unaufgeklärt - sagt man.

Die Männer unter den Konservativen tragen zu feierlichen Anlässen schwarze Anzüge, in der Freizeit Feinrippunterwäsche und sind mit dauergewellten Frauen verheiratet, die noch wissen, dass der Mann der Chef im Haus ist. Sie wählen im besten Falle eine der C-Parteien, sind aber wahrscheinlich alle irgendwie noch weiter im politisch rechten Spektrum angesiedelt. Konservative kann man nicht ernst nehmen - sagt man.

Tatsächlich kommen manche derer, die sich als konservativ bezeichnen daher, als hätte man sie zu lange in ein Glas mit sauren Gurken eingelegt. Es macht keinen so rechten Spaß mit ihnen Zeit zu verbringen und der Versuch, mit ihnen über die großen Fragen des Lebens zu diskutieren prallt an den Mauern ihrer zementierten Meinungen ab. Andersdenkende stellen für manchen Konservativen eine Gefahr für die eigenen Überzeugungen dar, die er vielleicht noch nie wirklich durchdacht, sondern bloß übernommen hat.

Sich als Konservativer zu bezeichnen ist nicht gerade hip - und dennoch bin ich gerne einer. Für mich hat die Bezeichnung nämlich nichts mit all den Verdächtigungen, Vermutungen oder auch tatsächlich vorhandenen, schrägen Denk- und Verhaltensweisen mancher, die sich „konservativ“ nennen zu tun, sondern im Gegenteil mit ganz viel Schönheit, die mein Leben reich macht.

Ich versuche mich zu erklären: Meine Lieblingsmarmelade ist die, welche meine Frau aus frischen Himbeeren zubereitet. Obwohl beim Essen jedes Mal mindestens ein Himbeerkern seinen Weg in eine winzige Zahnlücke findet und mich dann nervt, liebe ich den Geschmack von frischer Brioche mit Butter und Himbeermarmelade - herrlich! Gäbe es nun keine Konservierung, käme ich nur in den warmen Monaten in diesen Genuss. Erst dadurch, dass die frische Marmelade konserviert - also in einen haltbaren Zustand gebracht wird - kann sie mir zum Vergnügen werden, der ich auch im Winter Lust auf Himbeeren habe.

Übertragen auf etwas bedeutsamere Dinge als Himbeermarmelade bedeutet Konservierung für mich, dass ich etwas besonders Schönes, Lebendiges in ein Regal in meinem Herzen stelle, wo die mir wirklich wertvollen Dinge stehen. Das können Erinnerungen sein, aber auch Werte, die ich als bedeutend erkannt oder Gedanken, über die es sich immer wieder einmal nachzudenken lohnt. Manchmal beschäftige ich mich mit alten Büchern, in denen Menschen vergangener Jahrhunderte Gedanken eingelegt haben, die ich mir dann genauer ansehe. Vorsichtig schraube ich den Deckel vom Einmachglas ihrer Einsichten und rieche erst einmal an dem, was ich dort vorfinde. Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass etwas nicht alleine dadurch seine Gültigkeit oder seinen Geschmack verliert, weil es „alt“ ist. Ich habe viele Schätze gehoben, die mich inspiriert haben und die ich in mein Alltagsleben integriert habe und bin dankbar dafür, dass sie in Büchern die Zeiten überdauert haben.

Doch nicht nur für mich selbst erlebe ich den Konservatismus als lebensbereichernd, sondern auch für die Menschen um mich herum. Das will ich mit  einem Beispiel verdeutlichen: In meinem inneren Regal gibt es ein Glas, auf dem „Die goldene Regel“ steht. Darin befinden sich zweitausend Jahre alten Worte folgenden Inhalts:

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch“. Mir scheint das durchaus ein der Konservierung würdiger Gedanke zu sein, der heute noch so richtig ist, wie zur Zeit Jesu, der diese Worte gesprochen hat. Überhaupt finde ich in der Bibel Aussagen über Aussagen, die in der Postmoderne noch ebenso gut „schmecken“, wie zu ihren Ursprungszeiten.

Jeder, der Gutes, Heilsames und Schönes nur deshalb ablehnt, weil es „alt“ ist, macht den selben Fehler, den er „den Konservativen“ vorwirft, denn weder ist etwas einfach gut, nur weil es alt ist, noch ist etwas Anderes per se hilfreich, nur weil es gerade erst entdeckt wurde.

Ich vermute, dass die Ablehnung konservativer Gedanken nicht in erster Linie mit der „Dauer der Haltbarmachung“ zu tun hat, sondern vielmehr damit, worin das zu Erhaltende eingelegt ist. Sprich: Wer seine Himbeermarmelade (oder seine Werte und Überzeugungen) in Essig einzulegen versucht, braucht sich nicht zu wundern, wenn niemand an ihren riechen oder sie kosten möchte.

Um endlich den hinkenden Vergleich zur Himbeermarmelade zu verlassen: Wenn wir Christen es schaffen würden, unsere Glaubensüberzeugungen in Liebe „einzulegen“, würde vielleicht der ein oder andere „Aufgeklärte“ davon kosten wollen und dann fragen: „Kann ich noch etwas mehr davon haben?“ Vielleicht könnten wir auf diese Weise zeigen, dass ein Konservativer nicht in jedem Fall eine saure Gurke ist. Herzlich. Rainer




Text

  • Wix Facebook page

KONTAKT (Bestellungen bitte nur über den Shop)

NEWSLETTER