Vom Theater des Lebens

Jeden Montagmorgen treffen sich die Stammmitarbeiter vom Gebetshaus Freiburg, um sich zu Beginn der neuen Woche auszutauschen, über Entwicklungen und Herausforderungen zu sprechen, neue Mitarbeiter oder Praktikanten willkommen zu heißen, oder um füreinander zu beten. In der Regel beginnt das Treffen im Anschluß an eine gemeinsame Gebetszeit im Gebetsraum und mit einem kurzen Impulsvortrag. Immer wieder steht dieser kurze Vortrag unter der Überschrift „reality check“. Es werden dann auch Fragen gestellt oder unser Blick vom Vortragenden auf Dinge gelenkt, die wir als „gegeben“ ansehen. Das können beispielsweise Liedtexte sein, die wir (manchmal unbedacht) singen oder die Anregung zur Reflexion darüber, ob unser Alltagsleben mit unserer Arbeit im Gebetshaus in Übereinstimmung steht. Solche Fragen und Anregungen, die sich hinter den Vorhang der Bühne schleichen, auf der sich unser Leben abspielt, gehören zur Kategorie des „Hinterfragens“ und sind sowohl für uns als Gemeinschaft, aber auch für den Einzelnen von segensvoller Bedeutung. Obwohl wir Christen es nämlich alle gerne anders sehen und oft auch sagen, spielen wir selbst doch - manchmal bewußt, meist aber unbewußt - viel öfter die Rolle des Regisseurs unseres „Lebens-Stückes“, als wir zugeben möchten. Manchen ist die Existenz einer selbstgelenkten „Aufführung“ auch gar nicht bewußt, weil sie ihre Wahrnehmung für die objektive Realität halten. Tatsächlich glauben wir ja, dass unsere Sinne die Verbindungen unseres Inneren zur Außenwelt darstellen und es ist richtig, dass sich unsere Wahrnehmungen auf einer objektiven Realität, wie zum Beispiel den Geräuschen, den Temperaturen oder den sichtbaren Gegenständen um uns herum, gründen. Und doch ist es eine Täuschung, zu glauben, dass die eigene Wahrnehmung immer verlässlich sei. Die scheinbare objektive Realität wird schon dann schnell als subjektiv entlarvt, wenn wir darüber nachdenken, wie sehr beispielsweise die menschliche Biologie, Biochemie oder unsere seelischen Bedürfnisse und Vorlieben unser Realitätsbild formen oder verändern. So blendet unser Geruchssinn den eigenen Körpergeruch aus (was man manchmal in der Strassenbahn vorgeführt bekommt, wenn der Sitz nebenan von einem stark verschwitzten Menschen belegt ist, der sich seines Odeurs überhaupt nicht bewußt zu sein scheint) und ebenso ist unser Gehirn in der Lage, monotone oder ständig wiederkehrende Geräusche einfach auszublenden (worin es eines meiner Familienmitglieder bezüglich seines Weckers zu einer meisterhaften Fähigkeit gebracht hat…). Berücksichtigen wir dann noch, wie viele Bereiche der Realität da draußen wir gar nicht wahrnehmen können, weil uns die entsprechenden Sensoren fehlen, verliert das, was wir für objektive Realität halten, noch mehr an zweifelsfreier Gültigkeit. Zum Beispiel können wir Infrarotstrahlung ebenso wenig sehen, wie etwa ultraviolettes Licht oder elektromagnetische Felder. Ich habe mir schon manches Mal vorgestellt, wie es wäre, die Funkstrahlung unserer Mobiltelefone oder Bluetooth-Geräte sehen zu können - vermutlich würden bald alle Geräte aus dem Verkehr gezogen werden, weil das Sperrfeuer von bunten Linien alles andere verdecken würde, was es sonst noch so zu sehen gäbe. In seinem lehrreichen und (zugleich amüsanten und entlarvenden) Buch „Das Gehirn - das fehlende Handbuch“ schreibt der Autor Matthew MacDonald folgendes: „Ihr Gehirn ist eine Realitätsbaumaschine. Sie nimmt die gewaltigen Informationsströme entgegen, die Ihre Sinne überfluten, und transformiert sie in eine hochgradig subjektive Innenwelt. Diese innere Welt hat vieles mit der äußeren Realität gemeinsam – weniger allerdings, als man erwarten würde. Sie wird von einem Verarbeitungssystem gesteuert, dass vorschnell Schlüsse zieht, arrogant die eigenen Irrtümer ignoriert und sich leicht täuschen lässt. Dieses Verarbeitungssystemen sieht, was es zu sehen erwartet, hört, was es zu hören erwartet, und verweigert sich selbst bei den simpelsten Dinge beharrlich jeglicher Korrektur. Vielleicht gefällt Ihnen diese innere Welt, vielleicht auch nicht. Aber sie werden nie die Chance erhalten, aus ihrem Kopf heraus zu treten und einen klaren Blick auf das zu werfen, was wirklich in der äußeren Welt passiert.“ Die bekannte Schriftstellerin Astrid Lindgren hat ihre wohl bekannteste Romanfigur, Pipi Langstrumpf, einmal singen lassen „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Genau so leben viele Menschen. Was schmerzt, Opfer verlangt, uns in Frage stellt oder uns herausfordert eingetretene Pfade zu verlassen, wird ausgeblendet, unterdrückt oder verdrängt. Auf diese Weise „programmieren“ wir unser Gehirn und schaffen eine Art „Sonnenbrillen-Effekt“: Was zu hell in unser Inneres scheinen könnte, wird herausgefiltert. Doch der Effekt, den wir zum Schutz oder aus Eitelkeit einsetzen, hat auch eine negative Seite: Wenn es in unserem Leben dunkel wird, sehen wir plötzlich den Weg nicht mehr, weil die Sonnenbrille alles noch dunkler macht. Dann holt uns die Tatsache, dass wir unsere eigene Realität geschaffen haben, ein und wir stürzen unter Umständen in einen inneren Abgrund, weil sich der „Sonnenbrillenblick“ als eine Täuschung herausgestellt hat. Damit das Theaterstück unserer subjektiven Realität nicht zu sehr zu einem Fantasy-Spektakel wird, brauchen wir das Feedback von Menschen, die aus einem anderen Blickwinkel auf unser Leben schauen. Zwar sind auch sie alle in ihren Wahrnehmungsfähigkeiten so begrenzt wie wir, doch immerhin stehen sie in unserer persönlichen Aufführung nicht im Mittelpunkt, sondern betrachten das Geschehen auf der Bühne unseres Lebens von außen. Ihre Wahrnehmung und Beschreibung des Hauptdarstellers im Stück unseres Lebens kann uns dabei helfen, realistischer mit uns selbst und unserem Glauben umzugehen. Die ehrliche Kritik und das freundschaftliche Feedback von Menschen, die unsere „Aufführung“ entweder als Zuschauer betrachten oder aktiv als Mitakteure eine Rolle spielen dürfen, sind ein Schatz, den Gott uns Menschen gemacht hat. Wer diesen Schatz ablehnt, wird eigensinnig: nur seine Realität gilt noch. Dann wird seine Lebensbühne  immer kleiner, so dass irgendwann ein Solotheater daraus wird, in dem ein einsamer Schauspieler einen endlosen und langweiligen Monolog hält. Vom eigentlichen Regisseur heißt es, dass er selbst der „Geist der Wahrheit“ ist und uns „in die ganze Wahrheit“ führen wird. Wie er das tut? Oft durch Menschen, in denen er wohnt und die gelernt haben, seine Stimme zu hören und uns mit seinen Augen zu sehen. Manchmal tut er es aber auch durch Personen, deren Worte wir am liebsten ausfiltern möchten und denen wir am liebsten keine Rolle in unserem Lebens-Stück geben würden.


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