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Still.


Als neulich wieder einmal unsere Kinder mit den Enkelkindern zu Besuch bei uns waren, wurde mir ganz plakativ das Thema der Predigt vor Augen geführt, die ich für den gestrigen Sonntag vorbereitete.


Mehrere Stunden lachten, bauten und tobten die Kleinen, während wir Großen entweder abwechselnd mitspielten oder uns unterhielten.


Dann, nach einem gemeinsamen Abendessen brachen alle wieder nachhause auf und es wurde:

Still.




Ebenfalls bei diesem Besuch erzählte mir einer meiner Söhne etwas, das mich wiederum an das Thema meiner Predigt denken ließ. Er sagte, dass die Aufmerksamkeitsspanne junger Menschen, die sich viel auf SocialMedia bewegen, mittlerweile vielfach so kurz ist, dass in Videos auf den entsprechenden Plattformen ein zweites, kleines Videofenster eingebettet wird.

In diesem Fenster wird dann etwas völlig anderes gezeigt als im Hauptfenster.

Der Grund für diese Kombination von Videos liegt darin, dass offenbar ein einzelnes Video zu schnell langweilig wird und der Betrachter nach wenigen Sekunden weiterzieht.


Zu verweilen, etwas in Ruhe aufzunehmen oder eben gar nichts zu tun und innerlich wie äußerlich still zu werden wird als verlorene Lebenszeit betrachtet.

Gerade die Stille ist für viele eher eine Herausforderung, als eine Wohltat. Sie ist ungewohnt, egal, ob es sich dabei um eine gedankliche, eine visuelle oder auditive Stille handelt.


Es kann tatsächlich unangenehm sein, still zu werden. Wenn nichts geschieht, wird man nämlich mit sich selbst konfrontiert und tatsächlich können viele Menschen mit sich selbst nur noch wenig anfangen: Ihre eigene Gesellschaft ist ihnen unangenehm oder zumindest ungewohnt.


Wenn wir still werden, können plötzlich Emotionen wie Traurigkeit, Ärger oder Angst an die Oberfläche steigen. Oder wir erkennen, dass in uns gar nicht viel Substanz vorhanden ist und wir in eine gähnende Leere blicken, wenn wir in uns hinein blicken.


Verstummt einmal der Sturm unserer Gedanken und der Wirbel der auf uns einprasselnden Eindrücke, fallen wir auf den Boden der Realität unseres eigenen Seins. Für manche Menschen ist die ein tiefer Fall, ein harter Aufschlag und eine Landung an einem bedrohlichen Ort. Ja, Stille kann unangenehm sein.


Doch der Ort der Stille eröffnet den Mutigen einen Zugang zu sich selbst, der im Lauten nicht zugänglich ist. Dies gilt ebenso für den Zugang zu Gott: In der Stille wartet er auf uns.


Für Jesus war Stille und die Abwesenheit von Ablenkung offenbar etwas kostbares, das lässt sich an mehreren Stellen aus den Evangelien erkennen:


„Früh am Morgen, als es noch dunkel war, stand Jesus auf, verließ das Haus und ging an einen einsamen Ort. Dort betete er.“ Markus 1,35.

Jesus hat die Stille nicht gemieden, sondern gesucht:


"Nachdem er die Volksmenge entlassen hatte, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Als es Abend wurde, war er dort allein." Matthäus 14:23


Der Sohn Gottes hatte keine Beklemmungen, was die Stille anging. Er, der doch auf eine ganz besondere Weise mit seinem Vater verbunden war, schaffte sich dennoch immer wieder Räume der unabgelenkten Begegnungen mit Gott. Wenn ich diese Gewohnheit Jesu betrachte, dann wird mir klar: Stille ist bedeutsam, auch für mich.


Tatsächlich ist Stille zu einem Hochgenuss für mich geworden. Den eigenen Atem zu hören, mich selbst zu spüren, nichts tun zu müssen, sondern sein zu dürfen - das ist ein geliebtes Gut. Einen Moment oder auch länger vor Gott zu schweigen, im liebenden Blick auf ihn zu verweilen und mich an seine Gegenwart zu erinnern - das ist ein Privileg für mich.

Stille ist wohltuend, heilsam und etwas intimes, das man nur mit einem guten Freund oder geliebten Menschen teilt.


Es liegt viel Segen in der Stille. Entlastung, eine tiefere Erkenntnis Gottes und sogar neue Kraft sind dort zu finden:


"Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin!" Psalm 46:11
"Sei still vor dem HERRN und warte auf ihn!" Psalm 37:7
"Denn so spricht der Herr, HERR, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr errettet, in Stille und Vertrauen liegt eure Kraft." Jesaja 30:15

Stille ist bedeutsam. Still zu werden, kann man lernen. Mit sich und Gott alleine zu sein ist wertvoll. In der Stille kannst du aufschauen, aufhören und endlich wieder aufatmen. In der Stille wartet das Leben auf dich, denn dort wartet Gott.


Deshalb wünsche ich dir, dass du den Segen der Stille (erstmalig oder erneut) entdeckst. Es ist keine verlorene Zeit, wenn du dich für die Stille entscheidest. Es ist die Entscheidung für den Schritt an einen wunderbaren Ort der Begegnung.


Alles Liebe. Rainer

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