Orthopfingstliche Baptholiken

Aktualisiert: 12. Nov 2018


Immer wieder sagen mir Menschen, ich sei ihnen zu charismatisch. Andere vermitteln mir, dass ich für ihren Geschmack deutlich zu orthodox wäre. Naja, und dann gibt es eine durchaus nicht unerkleckliche Anzahl von Mitchristen, denen ich zu pietistisch, zu katholisch oder zu pfingstlich bin.


Je nachdem, wer aus welcher theologischen Perspektive heraus einen Blick auf mich wirft, meint in mir entweder einen Bruder, einen entfernten Verwandten, einen Fremden oder sogar einen Feind zu entdecken. Noch vor einigen Jahren haben mich solche Klassifizierungen mit Schmerz erfüllt, heute ertrage ich sie mit einem inneren Schmunzeln. Mir wurde nämlich klar, dass wir Christen uns eben verhalten wie eine durchschnittliche Familie:


Da gibt es Verwandte, die uns ganz nahe stehen, wie zum Beispiel die eigenen Kinder. Ich liebe es, wenn meine Frau und ich von unseren Kindern Besuch bekommen. Obwohl sie bereits vor längerem - einer nach dem anderen - aus unserm Zuhause auszogen, sind sie bei uns doch daheim und nicht etwa Gäste. Doch es gibt auch andere, weiter entfernte Verwandte, die ich kaum kenne und deren Lebensweise sich stark von der meinen unterscheidet. Die Vorstellung, mit ihnen Zeit zu verbringen löst in mir nicht unbedingt Behagen, sondern manchmal Unsicherheit aus: Wie wird unser Treffen werden? Über was unterhalten wir uns? Je loser die Verwandtschaftsverhältnisse sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich gegenseitig misstrauisch beäugt, meidet, oder sogar ignoriert.


Das eigene „Planetensystem“ unseres Daseins ist uns vertraut und scheint das einzig richtige zu sein. Die „Lebensgalaxie“ des anderen wirkt auf uns manchmal tatsächlich wie ein eigener Kosmos. Bei aller Zu- oder Abneigung aber haben wir mit unseren Verwandten doch eines gemeinsam: Unsere Vorväter. Egal, wie zerstreut die Familie auch sein mag, in uns allen existieren genetische Übereinstimmungen die uns für immer verbinden. In der christlichen Kirche gibt es ebenfalls so etwas wie Galaxien oder - um zum ursprünglichen Bild einer Familie zurückzukehren - entfernte Verwandte. Man hat sich teilweise sogar so weit voneinander entfernt, dass man dem Anderen die Familienzugehörigkeit abspricht. Ohne sich mit dem ungeliebten Verwandten einmal aufrichtig und interessiert unterhalten zu haben, werden innere Beschlüsse aufgrund oberflächlicher Beobachtungen und oft genug auch aufgrund von Missinterpretationen getroffen.


Vergessen wird dabei, dass wir Christen allesamt Verwandte ersten Grades sind und nicht wir es sind, die definieren, wer zur Familie gehören darf oder nicht. In der Familie Gottes gibt es auch keine entfernten Verwandten, sondern ausschließlich Söhne und Töchter - ob uns das gefällt oder nicht.


Eine Familie definiert sich durch ihre Herkunft und nicht dadurch, dass alle ein und dieselbe Meinung haben, das Gleiche denken oder ihre Vorlieben für Musik, Bücher, Essen oder anderes uneingeschränkt teilen. Denken Sie einmal kurz an die letzte Diskussion, die Sie mit ihren Kindern oder Eltern hatten. Wahrscheinlich waren Sie nicht in allem einer Meinung. Dennoch ist ihre Mutter noch immer ihre Mutter, ihr Vater bleibt ihr Vater und so weiter. Differenzen ändern an der Zugehörigkeit nichts.


Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass aus dem Blickwinkel der Bibel heraus die Zugehörigkeit zur Familie der Christen erst durch den Glauben an Jesus Christus und die Berücksichtigung und Übereinstimmung der zahlreichen theologischen Einzelaussagen möglich wird. Sie haben recht - aber nur zur Hälfte. Der Schritt zur Familienzugehörigkeit wird vollzogen allein durch den Glauben an den Sohn Gottes. Dies bezeugt die Bibel an vielen Stellen. Mir fällt beim besten Willen keine Aussage ein, welche diejenigen aus der Familie ausschließen würde, die ein anderes Abendmahl-, Tauf- oder Endzeitverständnis haben als das, welches ich als „richtig“ ansehe. Was mir aber einfällt ist, dass schon Brüder wie Paulus und Petrus familiären Stunk miteinander hatten, letztlich aber niemals dem anderen die Familienzugehörigkeit abgesprochen hätten.


Trotz mancher schräger Verwandter gehöre ich zu der selben Familie wie sie. Manche Geschwister stehen mir näher, andere eher fern. Einige vertreten Meinungen, die ich nicht teilen kann oder halten Dinge für wahr, die ich persönlich für falsch halte. Aber trotz allem will ich sie lieben - auch wenn es mir bei einigen von ihnen wirklich schwer fällt. Auch die in meinen Augen schrägsten Jesusnachfolger sind meine Brüder. Immer dann, wenn wir uns gemeinsam vor unserem Vater versammeln und wir unseren Blick zusammen auf den König richten, von dem wir alle sagen er wäre der unsere, werden die trennenden Unterschiede zu dem, was sie sind: Nebensächlichkeiten. Im gemeinsamen Gebet finden Baptisten, Katholiken, Protestanten, Charismatiker und Orthodoxe zusammen - das erlebe ich täglich.


Am Ort des Gebets geht es nicht mehr um unsere Unterschiede, sondern um unser Familienoberhaupt und die Freude an ihm. Sie lässt uns auch wieder spüren, dass wir zusammengehören, obwohl wir doch so unterschiedlich sind. Um ehrlich zu sein: Ich vermute, dass wir nie an den Punkt kommen, an dem wir alle zu „orthopfingstlichen Baptholiken“ werden. Es wird wahrscheinlich bis zur Wiederkunft Jesu Christen unterschiedlicher Couleur geben. Das ist auch nicht schlimm, solange wir zueinander stehen.


Der Versuch, zu den „einzig Richtigen“ zu gehören führt letztlich in die Einsamkeit der Isolation. Denn wenn man sich schließlich erfolgreich von allen distanziert hat, mit denen man nicht mehr verwandt sein möchte, stellt man plötzlich mit Schrecken fest, dass man alleine übrig geblieben ist - „richtig“, aber verwaist.


Die Menschen ohne Christus haben kein Interesse an Christen, die sich von anderen dadurch abheben möchten, dass sie sich selbst als die „theologisch Einwandfreien“ verstehen. Attraktiv wird die christliche Kirche dann, wenn wir Christen wieder damit anfangen einander zu lieben. Wenn trotz großer und begründeter Unterschiede die Liebe unser Höchstes ist und im Vordergrund unseres Umgangs miteinander steht, dann finden Menschen auch zu unserem Gott und Vater, der sich Liebe nennt.

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