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Mehr als nur ein Pflaster


Das Gebetshaus Freiburg entstand vor mehr als zwanzig Jahren. Damals waren Gebetshäuser in Deutschland noch unbekannt, und so musste ich mit einem kleinen Kreis von Freunden viel Aufklärungsarbeit leisten, um den Kirchen und Gemeinden zu erklären, dass wir keine neue Freikirche gründen wollten, sondern uns als Ort des Gebets für Christen aus allen Konfessionen verstehen.


Trotzdem spürten wir jahrelang die Sorge mancher geistlichen Leiter in Freiburg, dass wir irgendwann doch verkünden würden, eine neue Gemeinde zu eröffnen.


In diesen Jahren habe ich oft darunter gelitten, nicht verstanden zu werden. Ich musste lernen, dass es nicht nur ein schöner Weg ist, einen überkonfessionellen Dienst zu leiten, sondern manchmal auch ein durchaus steiniger. Die oben genannte Sorge einiger Leiter war zudem nicht die einzige Herausforderung für mich.

Es kam auch hinzu, dass das junge Gebetshaus und ich immer wieder einer bestimmten Richtung zugeordnet wurden. Je nachdem, wer uns betrachtete, waren wir den einen zu katholisch, den anderen zu charismatisch, wieder anderen zu liberal. Dies gipfelte in der Aussage eines Gemeindeältesten, der nach einem Seminar zum Thema Kontemplation zu mir sagte, ich sei ein „orthodoxer Charismatiker“. Um ehrlich zu sein, gefiel mir diese Beschreibung sogar, da sie eine Bandbreite an christlicher Spiritualität umfasst, mit der ich viel anfangen kann.


In einer Gebetszeit, während der ich Gott meinen Schmerz darüber ausdrückte, nicht verstanden zu werden, hatte ich plötzlich ein Bild vor Augen:


Eine klaffende Wunde war zu sehen, an deren Rändern die unterschiedlichsten Kirchen und Gemeinden symbolisch angesiedelt waren. Mitten in der Wunde stand das Gebetshaus.

Dieses Bild hat mir in der Folge sehr geholfen, meine Rolle und die des Gebetshauses zu verstehen, und zwar in zweifacher Hinsicht.


Erstens ist es so, dass je nachdem, von welcher Seite der Wunde auf das Gebetshaus geschaut wird, man auch die aus dem jeweiligen Blickwinkel sichtbare Kirche gegenüber sieht. Schaut also ein Baptist auf uns, sieht er hinter uns vielleicht die katholische Kirche, während ein Pietist hinter dem Gebetshaus vielleicht eine Pfingstkirche entdeckt. Kein Wunder also, dass wir im Versuch, uns irgendwie einzuordnen, oft falsch zugeordnet wurden.


Das Bild hatte mir aber noch mehr zu sagen.

Als ich 1999 den Ruf erhielt, ein überkonfessionelles Gebetshaus in Freiburg zu gründen, war eine der zentralen Aussagen, die ich in meinem Inneren hörte, dass das Gebetshaus einen Teil dazu beitragen soll, der Kirche in Deutschland zur Gesundung zu verhelfen. Als ich dann das Bild mit der Wunde vor mir sah, verstand ich, dass das Gebetshaus genau aus diesem Grund mitten in der Wunde beheimatet ist: Es hat die Aufgabe, für Einheit zu beten, um ein geistliches Erwachen und – wo nötig – um Umkehr. Dabei tun wir das nicht aus einer überheblichen Position, sondern bleiben dort, wo der Schmerz der Zerrissenheit der christlichen Kirche am größten ist: mitten in der Wunde.


Natürlich könnte man das Gebetshaus auch ein Fremdkörper in der Wunde sehen, der sie sogar daran hindert zu heilen. Damals verstand ich jedoch, dass es nicht so ist, sondern das Gebetshaus die Rolle eines bestimmten Stoffes spielt, der dazu beiträgt, damit eine Wunde heilt. Ich spreche vom Fibrin. Fibrin ist ein Teil des Gerinnungssystems und entsteht bei der Aktivierung der Blutgerinnung, z.B. durch Verletzung oder Entzündungen. Es hilft dabei, die Wunde zu schließen, indem es eine Netzstruktur aus Fibrinfäden bildet.


Nun machte das Bild noch mehr Sinn. Neben dem Gebet ist unser Beitrag zur Heilung der Kirche, dass wir verbindende Fäden bilden. Dies geschieht durch Freundschaft, Gespräch und gemeinsames Gebet.


Pflaster decken eine Wunde vielleicht zu, aber sie haben keine Kraft, um zu heilen. Heilung geschieht in der Wunde selbst.

Auch wenn es nicht angenehm ist, den Schmerz über die Trennungen innerhalb der Kirche zu empfinden, ist es für mich und das Gebetshaus dennoch der beste Platz, den ich mir vorstellen kann: mitten in der Wunde zu wohnen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass die Wundränder einander näher kommen, bis sich die Wunde endlich schließt.


Vielleicht wagst du es auch, dich in der kommenden Woche Gott so zur Verfügung zu stellen, dass du einen kleinen Beitrag zur Heilung beiträgst. Das wäre wunderschön.


Alles Liebe, Rainer

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