Ganz schön schwierig!

Im Sommer liebe ich es, meine freien Abende in der Hängematte zu verbringen. Dort liege ich dann, lese in einem Buch und genieße die Ruhe um mich herum.

Gestern war so ein Abend. Ich war bereits ganz gespannt auf ein Buch, das mir ein guter Freund empfohlen hatte. Nach der Arbeit und Zuhause angekommen kaufte ich mir die elektronische Version, lud sie auf meinen ebookreader, legte zwei Kissen in die Hängematte (die Sache mit dem großen Eis verschweige ich) und machte es mir gemütlich.

Das Buch begann mit den Worten „Das Leben ist schwierig“.

Bitte? Wie eine entspannende Feierabendlektüre hört sich das nicht an. Doch das Buch des Psychotherapeuten Scott Peck hat nicht etwa einen depressiven Grundton, sondern scheint - ich lese noch - eher dafür zu plädieren, nicht so zu tun als ob alles in Ordnung wäre, sondern Schwierigkeiten als normale Herausforderungen und sogar als Chancen dafür zu erkennen, persönlich zu reifen. Darüber habe ich nachgedacht.

Ich lebe in einer Welt, in der Schwierigkeiten gerne verleugnet werden. Über Probleme wird höchstens hinter verschlossenen Türen gesprochen, die Frage „Wie geht es dir“ wird generell mit einem kurzen „Gut“ beantwortet, während man sich minutenlang über die aktuelle Wetterlage zu unterhalten weiß. Schwierigkeiten anzusprechen wird als Weg über vermintes Gelände empfunden. Niemand gibt gerne zu, dass er sein Leben im Augenblick oder vielleicht sogar generell als schwierig empfindet und nicht alles im Griff hat. Wer das täte, würde vielleicht als Pessimist bezeichnet oder sogar als depressiv veranlagt katego


risiert werden. Außer Menschen mit einem Helfersyndrom oder in fachspezifischen Berufen Selbstständigen ist auch niemand wirklich auf der Suche nach Menschen, die viel von ihren Problemen reden.

Und wie sieht es bei uns Christen mit dem Umgang mit Schwierigkeiten aus? Immerhin haben wir einen Glauben der gerade deshalb attraktiv ist, weil er Gottes konkretes Eingreifen in unser ganz alltägliches Leben verheisst.

Aber schließt dies aus, dass unser Leben nicht auch schwierig sein kann? Manchmal habe ich fast den Eindruck, viele Christen glauben dass Schwierigkeiten grundsätzlich negativ sind und „weg müssen“. Auch wir tendieren dazu, Probleme generell aus unserem Leben zu verdrängen, nur tun wir es auf eine andere Art und Weise: Wir gehen entschieden „im Glauben“ dagegen an.

Doch die ein oder andere Schwierigkeit sollte vielleicht auch aus Gottes Sicht nicht verdrängend angegangen, sondern vielleicht betrachtend angenommen werden. Ich glaube, dass in manchem „Stein der Schwierigkeit“ eine kleine Goldader zu entdecken wäre.

Diese Haltung versuche ich seit einiger Zeit selbst zu trainieren, und zwar im Bezug auf ganz persönliche Schwierigkeiten: Solche, die ich mit mir selbst manchmal habe.

Beispielsweise entdecke ich Verhaltensweisen, Motive oder Gedanken an mir, die mir gar nicht gefallen. Wie oft habe ich schon ein Stoßgebet mit den Worten „Schenk mir Demut“ gen Himmel gesandt - und erlebe noch immer Stolz in mir. Ich neige dazu, negative Entdeckungen möglichst schnell zu verscharren oder kurz an ihnen zu reissen, in der Hoffnung darauf, sie würden sich als Flachwurzler entpuppen und deswegen schnell beseitigt werden können. Doch manche Wurzeln reichen tiefer. Ein kurzes Gebet reicht in diesen Fällen nicht aus.

Eine andere Reaktion meines Herzens auf die Entdeckung von Schwierigkeiten in meinem Charakter ist Zerknirschung. Ich sehe mich konfrontiert mit Dingen, die an mir kleben, aus meinem Inneren kommen und eben nicht einfach verschwinden oder verdrängt werden können und das ist unangenehm und manchmal sogar schmerzhaft. Doch der Zerknirschung zu viel Raum zu geben bringt keine Veränderung, es ist eher eine persönliche Bestrafung. Die Betroffenheit muss in eine Aktion münden.

Irgendwann wurde mir klar, dass weder die Bestätigung durch andere im Sinne von „aber das ist doch gar nicht so schlimm“ oder „das passiert dir doch selten“ besonders hilfreich ist, noch die Last des selbstverordneten „Schlecht-Fühlens“ Angesicht meiner mangelhaften Persönlichkeit.

So habe ich, eigentlich ganz entgegen meinem Charakter beschlossen, Schwierigkeiten - auch diejenigen, die ich mir selbst schaffe oder mit mir selbst habe - als Chancen zu sehen. Es ist tatsächlich etwas völlig Anderes, ob ich jeweils mit Dankbarkeit auf meine Betroffenheit reagiere oder mit Frustration. Am Anfang steht zwar immer der Schreck über die unangenehme Entdeckung, doch anschließend muss eine wichtige Entscheidung zwischen zwei möglichen Reaktionen getroffen werden, die beide in unterschiedliche emotionale und geistliche Richtungen führen.

Ich habe gelernt nach dem ersten Schrecken zu beten. Meine Worte lauten jedoch nicht mehr „Mach das bitte schnell weg“, sondern „Danke Herr, dass ich diesen Mangel erkennen darf. Es tut weh, ihn an mir zu entdecken, aber ich gehe davon aus, dass du ihn mir zeigst um ihn mit mir zusammen zu beheben.“ Gott mutet mir also zu, Schwierigkeiten näher anzuschauen und mich mit ihnen auseinandersetzen. Er tut das nicht weil er mich hängen lässt, sondern gerade weil er mich liebt. Manche der Schwierigkeiten sind auch nur Symptome für andere, viel tiefer liegende Probleme. Gerade sie aber sind „aufschlussreich“, denn in ihnen liegt der Schlüssel zu einem anderen Verhalten, Denken oder anderen Motivationen. Es wäre ein Fehler, schnell über sie hinwegzugehen.

Etwas eiligst „Wegzubeten“ gleicht manchmal dem Versuch, vor der Verantwortung zu fliehen die Gott uns gegeben hat, als er uns uns selbst anvertraut hat. Anschauen, Verstehen und auch das Annehmen ist ein Akt des Vertrauens Gott gegenüber, der uns heilen möchte.

Das Leben ist schwierig - ich glaube das stimmt.

Ich glaube aber auch, dass es ganz gut so ist, weil wir nur dann reifen wenn wir uns mit Gott zusammen den Schwierigkeiten stellen, aus ihnen lernen und uns in der Nähe Gottes von ihm verändern lassen.

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