Fasten

Es ist Fastenzeit. 

Früher ging diese Zeit spurlos an mir vorbei, ich fühlte mich gar nicht angesprochen, weil ich angenommen hatte, dass das Kirchenjahr für einen „freien Christen“ keine Rolle spielen würde - was nebenbei eine schöne Möglichkeit war, um dem Thema  elegant auszuweichen.

Zu Fasten bedeutete mir nichts. Ich verstand es als einen religiöser Anspruch aus alter Zeit, den ich - mit dem Etikett „Nichts für mich“ versehen - nach ganz hinten in meinem Kopf verbannt hatte. Bloß keine Anstrengung!

Das Dumme ist, dass in der Bibel immer wieder vom Fasten die Rede ist und Jesus offenbar ganz selbstverständlich angenommen hat, seine Jünger würden nach seiner Himmelfahrt beginnen zu fasten (Mt 9,15, Mk 2,20, Lk 5,35). Die junge christliche Kirche machte es sich dann tatsächlich zur Gewohnheit, Mittwochs und Freitags zu fasten - jede Woche.

Also poppte in meinen Gedanken das Thema Fasten alle paar Jahre wieder einmal auf und sprang aus dem Keller meines Bewusstseins an die Oberfläche, um sich dort unangenehm bemerkbar zumachen. Doch die wenigen Male, die ich dem Gedanken ans Fasten nachgegeben hatte, kann ich nicht als besonders fröhliche Erlebnisse bezeichnen, es waren eher Zeiten des Mich Durchbeissens und der schlechten Laune.

Irgendwann Anfang der 2000er kam ich auf einer Auslandsreise in Kontakt mit Menschen, die regelmässig fasteten und dabei sogar einen zufriedenen Eindruck auf mich machten. Sie schienen auch nicht zu fasten, um in erster Linie eine Gebetserhörung zu erwirken oder eine Gabe von Gott zu bekommen, sondern weil sie Hunger hatten - nach ihm selbst. Das musste ich mir genauer ansehen. Als ich mich mit ihrem Ansatz auseinandersetzte, wurde nach und nach mein Verständnis vom Fasten auf den Kopf gestellt. Wobei: eigentlich stand es eher vorher viele Jahre kopf und nun kam ich endlich „auf die Füße“, was das Fasten betraf.

Als ich tiefer in das Thema eintauchte, entdeckte ich, dass das Fasten mehrere Motivationen haben kann und ich bisher nur die eine verinnerlicht hatte, die noch nicht einmal in der Bibel vorkommt: „Fasten muss man einfach.“

Richtig ist etwas Anderes: Es kann beim Fasten zwar tatsächlich darum gehen, Gott gegenüber die Ernsthaftigkeit unserer Anliegen zum Ausdruck zu bringen. - dann ist das Fasten quasi wie ein Ausrufungszeichen hinter unserem Beten - doch diese Art zu fasten scheint biblisch gesehen eher eine sporadische Aktion in besonderen Herausforderungen zu sein. Eine ganz andere Motivation aber steckt hinter einem regelrecht erfüllenden Lebensstil des Fastens, bei dem man nicht nur in besonderen Situationen auf Nahrung verzichtet, sondern das Fasten ebenso zum Alltagsleben gehört, wie das Beten.

In den oben in Klammern stehenden Aussagen aus den Evangelien lässt sich nämlich das Geheimnis für ein Fasten erkennen, das in meinem Leben diesbezüglich Vieles verändert hat. Es wird dort nämlich deutlich, dass es beim Fasten in Wirklichkeit um Sehnsucht geht:

„Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten“

heißt es beispielsweise in Mt 9,15. Von Jesus als einem Bräutigam ist da die Rede . Wir Christen wiederum werden in der Bibel als seine Braut beschrieben. Mir wurde klar, dass zu fasten kein religiöses Ritual ist, sondern etwas mit meiner Sehnsucht nach Jesus zu tun hat. Fasten ist ein Ausdruck von Hunger, nämlich dem Hunger - oder anders ausgedrückt: der Sehnsucht - nach dem Bräutigam. Die meisten von uns waren schon einmal verliebt und wissen, wie es ist, nur noch an das geliebte Gegenüber denken zu können. Kein Weg ist zu weit, nichts anderes mehr wichtig, wenn die Liebe uns bestimmt. Wir würden alles tun, um mit dem geliebten Menschen zusammen sein zu können. Diese Sehnsucht nimmt der andere wahr - und trägt sie auch in sich. Sie ist eine der Auswirkungen von Liebe.

Ganz ähnlich ist es mit dem Fasten: Es ist wie das laute Rufen unseres hungrigen Herzens nach dem Einzigen, der den Hunger nach ewiger Verbundenheit, ewiger Liebe und dem ewigen Leben stillen kann.

Wer fastet, verzichtet zwar auf den Genuss des Essens, gewinnt dafür aber den größeren Genuss eines Herzens, dass durch das Fasten lebendig, sehnsüchtig und erfüllt vom Hunger nach dem Bräutigam bleibt. Fasten ernährt unseren Geist durch unsere freiwillige Wahl persönlicher Schwäche, damit Gott in uns Raum gewinnen und stark sein kann. Zu Fasten heißt zu verzichten, um zu gewinnen.

PS: Wer sich etwas mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich einen zusammenfassenden Vortrag, den ich vor einiger Zeit zum Thema gehalten habe und der HIER aufgerufen werden kann.


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