Der Mittelweg: die unterschätzte Route


Meine innere Auseinandersetzung mit dem Gedankengut, den Traditionen, Überzeugungen und Lehrmeinungen der unterschiedlichen christlichen Strömungen führt manchmal auch dazu, dass ich Schmerz empfinde.





Er trifft mich immer dann, wenn ich auf Extreme oder eine ungesunde Enge stoße. Immer wieder werden biblische Thema isoliert betrachtet und mancher Bibellehrer meint auf eine neue Offenbarung gestoßen zu sein, wenn er oder sie in Wirklichkeit doch nur vergessen hat den Gesamtkontext der Heiligen Schrift zu betrachten.

Letztlich führt eine Überinterpretation biblischer Aussagen zum Gegenteil dessen, was vielleicht sogar mit bester Absicht beabsichtigt wurde: Anstatt zum Segen zu werden, wird manche Lehre zur Belastung.


Wer beispielsweise unterwiesen wurde, dass jeder Kranke geheilt wird und nicht auch die Möglichkeit in Betracht zieht, dass dies nicht immer geschieht, gerät in eine innere Zerreißprobe, wenn es ausgerechnet in seinem Falle nicht passiert. Wer der Lehre Glauben geschenkt hat, dass sich eine defizitäre finanzielle Situation dann ins Positive verändern wird, wenn er nur genügend Geld „im Glauben“ spendet und dann erlebt, dass er dennoch einfach nicht aus dem Minus herauskommt, der findet sich entweder in Enttäuschung oder unter dem Druck wieder, noch mehr „säen“ zu müssen. Wer meint, Worte Gottes wie Zaubersprüche gebrauchen zu können, findet sich irgendwann in der Realität wieder, die ihm schmerzhaft zeigt, dass „name it & claim it“ einfach nicht funktioniert. Oder wer glaubt, wir Christen hätten Anspruch darauf, bis ins Alter von 120 Jahren fit wie ein Turnschuh zu sein, wird in einen inneren Konflikt geraten, wenn bereits mit Ende fünfzig die Bandscheiben anfangen zu zwicken - oder schlimmeres geschieht. Beim christlichen Glauben handelt es sich zuallererst um eine Beziehung und eben nicht um „Magie im Alltag“.


Jesus war radikal. Doch war er dies nie in der Überbetonung einzelner Wahrheiten, sondern in der Nachfolge. Er tat nur, was er den Vater tun sah. Er weigerte sich zu tun, was menschlich vielleicht richtig gewesen wäre und versuchte auch nicht, den Vater zum Handeln zu zwingen. Diesem Vorbild folgend meine ich, dass wir als Christen in erster Linie das tun sollten, was der Sohn Gottes getan hat: nahe bei Gott sein. Sind wir dies, wird göttliches Eingreifen, werden Gebetserhörungen und Wunder nicht uns und unseren Dienst erhöhen, sondern Dankbarkeit in uns wecken. Aber seine Nähe wird uns auch dann trösten, wenn unsere Gebete nicht erhört werden und wir durch schmerzvolle Zeiten gehen. Gott lässt sich nicht auf einzelne Aussagen reduzieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass er noch immer souverän ist. Obwohl wir heute von populären Predigern gelehrt werden, dass Gott nicht in Kontrolle ist, sondern wir mit seiner Hilfe die Kontrolle über unser Leben gewinnen können ist es doch ganz anders. Gott ist Gott - und wir nicht. Gott ist kein Wunschomat, sondern ein verzehrendes Feuer. Gottes Gedanken sind hoch - unsere hingegen oft genug religiös hochmütig.


Der Begriff „Intimität“ bedeutet „dem Rand am Fernsten“. Diese Definition zeigt weg von den Rändern der Extreme hin zur Mitte, dort, wo Christus ist. Dort ist es am sichersten und die Theologie ist ausgewogen.


Mit meinem Plädoyer für die Mitte möchte ich keineswegs ausdrücken, dass wir eine mittelmäßige Theologie, einen nur durchschnittlichen Glauben oder etwa keine Erwartung an Gottes Handeln in unserem Leben haben sollten. Ich glaube sogar, dass wir als Nachfolger in unserer Hingabe an Gott radikal darin sein müssen, ihm zu glauben und zu tun, was er uns sagt. Doch sowenig christliche Radikalität Gewalt meint, darf sie auch nicht bewirken, dass wir anmaßend Gott gegenüber sind.


Menschen, die den Weg der Mitte wählen wird manchmal Kleinglaube vorgeworfen. Meiner Beobachtung nach sind es eher Christen, deren Glaube wie ein Eisberg geformt ist: Nur ein kleiner Teil davon ist augenscheinlich, wer aber mit ihnen in nähere Berührung kommt stellt bald fest, dass unter der Oberfläche ein gewaltiges Gottvertrauen und ein Schatz an Gottesbeziehung ruht, welches in den Stürmen des Lebens Tragfähigkeit verleiht. Klein ist der Glaube eher bei denjenigen, die den Worten derer vertrauen, die Abkürzungen und berechenbare Wunder versprechen. Klein ist der Glaube dann, wenn wir Gott auf einzelne Aussagen und ein ganz bestimmtes Handeln reduzieren möchten, anstatt seine Größe anzuerkennen und ihm das letzte Wort zugestehen.


Statt in den Randbereichen außergewöhnlicher Aussagen der Bibel zu tanzen, sollten wir aus der Mitte heraus glauben, sprechen und handeln. Zeichen und Wunder werden uns FOLGEN, wenn wir glauben, wir brauchen sie also unsererseits nicht zu VERFOLGEN. Wenn wir hingegen Christus NACHFOLGEN werden sie zu einem Teil unserer Erfahrung werden.

Der Weg der Mitte erfordert einen Balanceakt: Wir müssen uns zwischen Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Versagen, Leben und Tod bewegen. Manchmal kommt dies einem Spagat gleich, bei dem es uns zu zerreissen scheint. Doch verlockend erscheinende Trampelpfade erweisen sich oft genug als Sackgassen, die zusätzlich Kraft und Zeit kosten, weil man erst wieder auf die richtige Spur zurückfinden muss.

Ich habe im Laufe meines Lebens einige der Trampelpfade links und rechts der Mitte erkundet, manche aus der Distanz betrachtet, zahlreiche „Wegbeschreibungen zum Erfolg“ gelesen und leider viel zu viele zerbrochene Menschen kennengelernt die irgendwann feststellen mussten, dass der geheimnisvolle neue Pfad, der sie zur Herrlichkeit führen sollte letztlich in Isolation und Enttäuschung endete.


Der Weg der Mitte führt mitten durch das Königreich Gottes, weil er schon zum Reich Gottes gehört und er endet vor Gottes Thron. Ihn zu gehen ist die weiseste Entscheidung, die wir treffen können. Wer glaubt, dass dieser Weg breit, geradlinig und leicht zu gehen wäre, täuscht sich: Ihn zu wählen und seinem Verlauf zu folgen ist das größte Abenteuer, das für uns Menschen bereit steht. Er ist schmal und führt durch Wüsten, über grandiose Berge und durch tiefe Wälder. Es gibt auf ihm zahlreiche Gefahren und Herausforderungen. Wir erleben Verluste und gewinnen dabei dennoch wichtige Meter auf unserer Strecke. Reissende Flüsse gilt es zu durchqueren, über manche Hängebrücke zu gehen, die uns schwindeln macht und manchmal geht es durch tiefe und dunkle Täler. Dieser Weg ist nicht leicht, doch auf ihm geht einer, der ihn gut kennt und dem wir gerade auch auf den schwierigen Abschnitten vollkommen vertrauen können: Jesus Christus.

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